🇩🇰 · 3. Mai 2025 · 🇩🇰

Bühnenadrenalin

Meine Phresse, war das eine Nacht. Dieses Bühnenadrenalin hat unbestreitbare Vorzüge als Brennstoff und als Stützrädchen, wenn man zweieinhalb Stunden auf der Bühne abliefern [muss] darf. Allerdings verfliegt das Zeug nicht sofort nach dem Auftritt, sondern macht sich leider seeeehr gemächlich vom Acker, will sagen: Man schläft damit nicht so gut. Egal! Ich stehe früh auf und gehe ein paar Schritte durch den direkt angrenzenden Park, der diesseits der Autobahn E20 überwiegend aus Golfplatz besteht. Das halbe Stündchen im Grünen tut äußerst gut. Zum anschließenden Frühstück gesellen wir uns zu Hubi AKA Hubert Schramm, der ebenfalls ein früher Vogel ist und die Tour als Toningenieur begleitet.

Der Toningenieur
Der Toningenieur wird im Live-Musikgeschäft gerne auch ‚Mischer‘ oder noch allgemeiner ‚Ton-Techniker‘ genannt. ‚Live-Sound-Manager‘ wäre vielleicht ein weitere adäquater Begriff. Kurzum hat dieser Mensch den sehr wichtigen Posten, Instrumente und Gesänge in Richtung Publikum so abzustimmen, dass alles klar und differenziert klingt, im Gesamtbild nichts zu laut und nichts zu leise ist und dass sich die Musiker selbst gut hören ohne den anderen auf den Wecker zu gehen. Das Ganze setzt wiederum voraus, dass das komplette System zuverlässig und sicher verdrahtet und gesteckt ist und nicht zuletzt damit, dass es die Musiker vermeiden, nach belieben den eigenen Hahn auf- oder zuzudrehen. Der Toningenieur muss demnach Technik und Musiker gleichermaßen im Griff haben.

Bisher waren meine Erfahrungen mit Hubi stets 1A mit Prädikat. Wenn meine InEar-Hörer ordentlich in den Muscheln stecken, kann ich mir über sein System meinen Bühnensound nach Belieben selbst zusammenmischen. Ich bin zwar nie im Publikum, wenn ich selbst spiele, bekomme aber immer sehr gute Rückmeldungen der Zuhörenden, wenn er die Mischung macht. Während des heutigen Frühstücks entführt uns Hubi in die fachlichen Tiefen seines Jobs – mitunter so tief, dass ich direkt im Anschluss ein Ton-Techniker-Diplom ablegen könnte.
Der Autor und der Live-Sound-Manager

Der Autor und der Live-Sound-Manager

Kopenhagen light

Heute leben wir im Luxus. Wir spielen am Abend nochmals im ‚Halgodt’, also ‚One More Night’ und können uns daher den kompletten Aufbau und Soundcheck sparen. Wir haben daher Zeit, am Vormittag kurz ins Zentrum zu fahren. Ich schließe mich einer kleinen Gruppe an, mit der wir runde drei Stunden ‚Kopenhagen light‘ erkunden: Die Einkaufsstraße ‚Strøget‘, der fotogene Nyhavn, das Schloss Amalieborg. Die dortige Beflaggung zeigt uns an, dass Königs aktuell zuhause sind. OK – mal sehen, wenn wir in den kommenden Tagen noch so treffen🤴. Nach kurzer Entspannung in der Marmorkirche geht es schon zurück ins Hotel und per Bus in’s Halgodt.
Mit einem 5-minütigen ‚Line-Check‘, netten Gesprächen und guter Halgodt-Kost bereiten wir uns auf unseren 2ten Tour-Auftritt vor. Der Saal ist nicht ganz so prall gefüllt wie Tags zuvor. Insgesamt verbuchen wir dennoch runde 1.000 Besucher, womit Frank und sein Team mehr als zufrieden sind. Sicherlich einer der Gründe, warum PHIL postwendend für weitere Konzerte im Halgodt eingeladen werden.

Are you Phil?

Heute spielt es sich nochmals eine Idee sicherer als gestern, was völlig einleuchtend sein dürfe. Die Leute sind wieder super drauf und uns geht es genauso. „Are you Phil?“, schreit jemand aus dem Publikum nach dem zweiten Song in Richtung Jürgen. Dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt, sei nur am Rande erwähnt. Nach der Pause hat ein Herr mittleren Alters ganz offensichtlich Gefallen an meinem Spiel gefunden und beginnt irgendwann damit, meine Finger und meine Tasten mit seiner Handykamera äußert akribisch und nahe am Motiv zu dokumentieren. Zeitweise kommt er meinem Arbeitsbereich so nahe, dass ich den Eindruck habe, er möchte mir sein iPhone 14 als Gabe überreichen. Sachen gibt’s!? 🤔 Der liebe Gott hat mir aber auch heute wieder viel innere Ruhe spendiert … und uns allen seinen Sohn …

Jesus als Rausschmeißer
Da das gestrige Publikum mit ‚Carpet Crawlers‘ nicht ganz so viel anfangen konnte, ersetzen wir diesen Klassiker heute durch ‚Jesus He Knows Me‘. Wir spielen die Nummer ziemlich nach vorne, aber dennoch ordentlich auf den Punkt. Ich hatte jedenfalls unheimlichen Spaß dabei.

Nach dem Auftritt habe ich endlich Zeit für meine Familie und für ein bis zwei Øl. Im Verlauf des ausklingenden Abends bedankt und verabschiedet sich Frank, der Chef des Halgodt, bei jeder und jedem einzelnen von uns und betont dabei mehrfach seine Begeisterung für PHIL. Leider müssen wir dann aber auch bald unser Geraffel abbauen und den Bus damit beladen. Das trübt die Stimmung der Gruppe aber in keiner Weise. Die Rückfahrt zum Hotel wird in vieler Hinsicht lustig und kurzweilig, wenn nicht sogar ‚Hot!‚ 🔥

🇩🇰 · 4. Mai 2025 · 🇩🇰

Unser erster freier Tag startet wieder mit einer kleinen Runde im Park. Danach Frühstück und kurze Abstimmung des Tagesprogramms. Heute steht Kopenhagen in einer XL-Variante auf dem Plan. Chauffeur 🇱🇻 und Bus bringen uns zuverlässig in die Stadt. Ausgehend vom imposanten Rathausplatz geht es entlang der Strøget, wo wir am Amagertorv auf eine Jazz-Brass-Band treffen. Ganz schön fit, die Jungs. Wir genießen ein paar Nummern und ziehen weiter in Richtung Christiania.

Freistadt Christiania

In der „Freistadt“ Christiania ticken die Uhren und die Regeln etwas anders als im restlichen Dänemark. Wikipedia leitet den Artikel dazu folgendermaßen ein: „Die Freistadt Christiania […] ist eine alternative Wohnsiedlung in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, die seit 1971 besteht. Aus Sicht der dänischen Behörden handelt es sich um eine staatlich geduldete autonome Gemeinde.“

Bunt bemalte Häuserfassaden zeigen dem Touristen augenscheinlich, wo Christiania anfängt. Wir schlendern durch Straßen und Gassen, vorbei an Cafés und einem kleinen Markt, wo neben Klamotten und Schmuck auch Cannabis-Produkte feilgeboten werden. Pfui 🤮! Einmal und nie wieder. Vor vielen Jahren kam meine Lunge unfreiwillig mit dem Zeug in Berührung, worauf ich den Saturn auf dessen Ringen mit Schlittschuhen umrunden musste 🪐. Das hat mit völlig gereicht.

Tatsächlich wird in vielen Reiseführern und auch auf der offiziellen Seite des Kopenhagener Touristbüros auf einige Gefahren und Verhaltensempfehlungen für Christiania hingewiesen. Offenbar geht es hier nicht immer so harmonisch zu. Heute ist jedoch helllichter Sonntag und es sind reichlich Touristen unterwegs. Also, mir gefällt es hier. Wer mit der Woodstock-Legende Jimmy Hendrix Geburtstag hat, fühlt sich hier tendenziell eher wohl und wer wie ich bei Freiburg im Breisgau lebt, zieht gewisse Parallelen zum dortigen Vauban-Viertel, dem Kartoffelmarkt und weiteren grünlichen Orten.

In einem gemütlichen Café machen wir Pause und schlendern anschließend weiter, vorbei an interessanten Läden, die wie auch in den unfreien Städten vieles anbieten von sehr brauchbar bis total unnütz. Es gibt einen See, wo gerade eine freie Trauung zelebriert wird. Ich halte etwas Abstand von dieser Zeremonie, damit ich nicht versehentlich mitgetraut werde. Nach den Strapazen der letzten Tage hätte ich auf vieles Bock, nur nicht auf eine Hochzeitsnacht. Wir finden ein verwahrlostes Klavier, das nur noch leise Seufzer von sich gibt und landen schließlich in einem Freilichttheater. In der dortigen Kneipe läuft endlich mal Musik, die zur Umgebung passt. ‚Riders On The Storm‘ von den Doors. Zum Abschluss kommen wir wieder am Markt vorbei, wo ich mir unter Beratung der Anwesenden PHILinnen ein interessant geschnittenes Hemd mit einem wunderbaren Arabesken-Muster kaufe. Dieses Inkognito-Ürjokili kommt sicherlich irgendwann mit mir auf die Bühne.

Gegen Abend gönnen wir uns ein Mahl beim Italiener im Nyhavn. Die Häuserfassaden an diesem ‚neuen Hafen‘ zählen zu den Touristenhotspots der Hauptstadt und sind entsprechend frequentiert. Dennoch sind die Preise bei Luigi moderat und die Qualität durchaus in Ordnung. Bei der Gelegenheit gibt Jürgen nebenbei noch ein Telefoninterview für eine nordbadische Regionalzeitung. Parallel ploppt auf meinem Handy ein Video meines Bruders auf. Meine Schwägerin und er sind zufällig an der Marmorkirche, wo ebenso zufällig König Frederik nebst den Königinnen Mary und Margarethe das Gebäude verlassen und aus nächster Nähe den Passanten zuwinken. Mein Neid sei ihnen gewiss 😠. Nun komme ich seit 35 Jahren nach Danmark und die einzige nennenswerte royale Begegnung hatten wir vor einigen Jahre, als uns Königin Margarethe im Schlosshof von Amalienborg mit dem Auto fast über die Füße gefahren wäre. Mein Herr Bruder schafft es erstmals nach Kopenhagen und bekommt gleich mal eine ‚Audienz Light‘. Rahmen des königlichen Besuchs war eine Gedenkfeier anlässlich des Kriegsendes vor 80 Jahren.

Den Abend verbringen wir in der durchaus wohnlichen und geräumigen Lobby unseres Hotels. An der Rezeption werden Weichgetränke, Bier, Wein und Secco gereicht. Das Mitbringen von Getränken sollte man tunlichst unterlassen, um unangenehme Gespräche mit der oberen Rezeptorin zu vermeiden. Wir schaffen es, eine der Sitzgruppen soweit aufzubohren, dass die komplette PHIL- Gesellschaft Platz findet.

Ich sitze überwiegend bei Kurt, dem Stammesältesten bei PHIL. Es ist immer ein sehr kurzweiliges und wahrhaftes Vergnügen, Kurti’s Lebensberichten zu lauschen. Er stand als Musiker bereits auf der Bühne, als mein Geburtsdatum noch völlig unbekannt war. Mit den ‚Markees’ war er in den 1960ern auf dem Weg zur Profikarriere, es gab einen Plattenvertrag bei CBS, mehrere Veröffentlichungen und für einige Zeit war Edo Zanki Sänger der Markees. Eine unheimlich spannende Zeit. Aber auch damals schon mussten sich ambitionierten Musiker den harten Regeln des Kommerzzirkus fügen, bis hin zur weitgehenden Fremdbestimmung. Dies war einer der Gründe dafür, dass sich die Band schließlich für ‚normale‘ Berufe und Familienleben entschieden hat. Dennoch wollte Kurt den Bass nie an die Wand hängen und hat sich irgendwann bei Amnesia, der Vorgängerband von PHIL beworben.

🇩🇰 · 5. Mai 2025 · 🇩🇰

Auch der Montag ist ein „day off“, also spielfrei und daher ist nochmals ein Kopenhagen-Trip angesagt. Zunächst steht eine geführte Kanalrundfahrt auf dem Programm. Auf Empfehlung einer Halbdänin entscheiden wir uns für das Angebot mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis. Unsere etwa 60-minütige Tour wird heute von Svend moderiert, dessen Vater aus Deutschland kommt. So bestaunen u.a. wir die kleine Meerjungfrau, die imposante königliche Oper und enge Kanäle. Dazu hören wir von Svend allerlei Annektoten und Geschichten. Markus, der ihm am nächsten sitzt, darf ab und zu beim deutschen Vokabular nachhelfen. Dennoch – oder gerade deshalb – haben wir ziemlichen Spaß bei der Sache. Der junge Mann hat einen furztrockenen Humor, wenn es beispielsweise um die Beschreibung der Vorfahren der heutigen Königsfamilie geht.

Beim unterqueren der teilweise sehr niedrigen Brücken bittet Svend uns stets mit aller Deutlichkeit, die Köpfe einzuziehen, um eine Dekapitation zu vermeiden. Ich hoffe inständig, dass sich Jürgen an die Empfehlung hält. Ein Sänger ohne Kopf? Unsere Tour wäre definitiv beendet. Bei einem Bassisten oder Gitarristen wäre das weniger tragisch, denn im Prinzip braucht es dazu nur Rumpf und Arme – und in der Gothic- oder Punk-Szene käme das vielleicht sogar richtig gut an, .

Nach dieser empfehlenswerten Sightseeing-Tour treffe ich mich mit Bruder und Schwägerin zum Essen, um mit ihnen im Anschluss den runden Turm zu besteigen. Ein sehr spannendes Bauwerk, das u.a. das älteste funktionsfähige Observatorium Europas beherbergt. Man wähnt sich nach dem Betreten in einem nahezu endlosen Schneckenhaus, denn der Weg nach oben führt auf einer mehrere Meter breiten gepflasterten Straße spiralförmig nach oben. Dort angekommen staunen wir nicht nur über die schöne Aussicht über Stadt und Wasser, sondern auch über weitere Besucher, die unüberhörbar aus dem Südwesten Deutschlands kommen und kürzlich zusammen mit mir im Halgodt auf der Bühne standen. Ja, die Welt ist klein, auch in der Vertikalen.

Über den gemeinsamen Abend in der Hotellobby wäre eigentlich nichts besonderes zu berichten, wenn nicht gegen 23 Uhr der Hausalarm losgegangen wäre. Begleitet von einer freundlichen Stimme aus Lautsprechern wird uns einem Mantra gleich die klare Anweisung erteilt, das Gebäude unverzüglich zu verlassen. Super 🤩. Ich wäre allerdings gerne bald mal in die Heia und zudem bin ich nur spärlich mit einem T-Shirt bekleidet. Draußen zieht es wie Hechtsuppe und auf eine Erkältung bin ich nicht sehr scharf. Ich folge der Aufforderung daher nur bedingt und stelle mich in den Windfang des Haupteingangs. Schon sehr bald rückt die Feuerwehr an und leider nicht so bald rückt sie wieder ab. Am Ende stellt sich heraus, dass irgendeine Arschgeige im Hotelzimmer unerlaubt geraucht und damit den Rauchalarm ausgelöst hat. Nach diesem Smoke-On-The-Water-Trauma begebe ich mich in mein Gemach und träume einen schrecklichen Traum von kopflosen Arschgeigern aus dem nordwestlichen Ostwestfalen, die sich in einem riesigen Schneckenhaus verirren und schließlich von Sky du Mont gerettet werden.

👉 Fortsetzung folgt 👈