🇩🇰 · 2. Mai 2025 · 🇩🇰
« My God, we love Halgodt »

Ich schlafe gut, aber nicht sehr lange. Logisch: Meine innere Uhr ist noch auf Standard-Arbeitstag eingestellt. Zudem halten mich viele erwartungsfrohe Gedanken auf Trab. Ich bin gespannt wie ein Sonnenschirm auf den heutigen Tag und vor allem auf den Abend. Das Duschen in unseren Micro-Badezimmer funktioniert hervorragend, da ich das Camperleben durchaus gewohnt bin.

Der recht große Frühstücksraum ist hell und freundlich. Die ersten PHILis schleichen bereits ums Buffet und beladen ihre Tablets. Ich greife sogleich dort an, wovon die Danmark-Novizen zunächst ihre Finger weglassen: Leverpostej, Rullepølse und Rugbrød. Auf dem Rückweg zum Tisch kralle ich mir unseren Busfahrer Kristaps, der sich alleine an einen entlegeneren Winkel gesetzt hatte und nehme ihn mit zu uns. Da gehört er nämlich hin.

Nach etwas Freizeit fährt uns Kristaps nach Charlottenlund, das eine knappe halbe Stunde entfernt im nördlichen Teil Kopenhagens liegt. Unsere Spielstätte „Halgodt“ kannte ich bisher nur über dessen Website und Instagram-Auftritt. Die Eindrücke waren sehr vielversprechend und sollten im Verlauf des Tages nicht enttäuscht werden. Die Location liegt in einem Jachthafen direkt am Øresund mit Blick rüber nach Schweden.

Da ich der Landessprache mächtig bin werde ich gebeten, als „Vorhut“ die Lage bezüglich Ausladen und Parken zu checken und laufe direkt den richtigen Ansprechpartnern in die Hände: Kurt und Frank. Wie nett! Auch bei PHIL gibt es einen Kurt und einen Frank. Frank ist Eigentümer des Halgodt, Kurt kümmert sich um technische und organisatorische Angelegenheit. Die Wellenlänge stimmt von Anfang an. Auch hier ist die Grundstimmung locker und entspannt und es wird uns jede Hilfe angeboten. Kristaps zirkelt den Bus im engen und verwinkelten Hafenbereich rückwärts hinter die Bühne des Halgodt. Der Mann ist mehr als ein Profi. Ich hätte das Gefährt vermutlich direkt ins Hafenbecken versenkt.

Innerhalb von 15 Minuten wird  das Equipment aus dem Bauch des Busses auf die Bühne des Halgodt verfrachtet. Das wäre an sich nicht so spektakulär. Es sei jedoch deshalb erwähnt, weil es sich um sehr viel Zeug handelt und weil ausnahmslos alle PHILs und PHILinnen mithelfen. Dieser Teamspirit ist zweifellos eine der Erfolgsfaktoren von PHIL und überträgt sich am Ende auch auf die Bühne und auf das Publikum.

Das „Halgodt“, sinngemäß übersetzt „Halb Gut“, besteht aus einem wunderschönen Gebäudeensemble in Holzbauweise und einem mediterian anmutendem Aussenbereich, mit gemütliche Sitzecken und verschiedenen Streetfood-Angeboten. Was daran „halb gut“ sein soll ist mir schleierhaft. Ich persönlich hätte es „Saugut“ getauft, was im dänischen vermutlich mit „Pissegodt“ übersetzt worden wäre.

Wir erfahren, dass das heutige Konzert mit über 500 Tickets restlos ausverkauft ist und dass es für den morgigen Samstag nur noch wenige Karten gibt. Wir sind im Übrigen der erste Act, der zwei Abende in Folge im Halgodt spielt. Wir freuen und über diese Botschaften, sind aber gespannt, wo diese 500 Leute unterkommen sollen. Dass der Freitag größeren Anklang findet als der Samstag, wundert mich nicht. Freitagabend ist Feiertag in Danmark.

Freitags nach 16 Uhr in Danmark
Der Freitagabend wird in allen dänischen Landstrichen ausgiebig als Einstieg ins Wochenende gefeiert. Die Bandbreite der Feierlichkeiten reicht vom Tuborg am Steuer, einem hyggeligen Sundowner am Wasser bis hin zu einem gepflegten „Weekendopholt“, einem Wochenendaufenthalt zu zweit in einem netten Hotel. Alle Einrichtungen, wo man sich treffen kann, sind in der Regel bestens besucht. In sehr ländlichen oder abgelegenen Regionen werden nach meiner Beobachtung am Freitagabend gerne auch mal die innerörtlichen Geschwindigkeitsbeschränkung und der Rechtsverkehr aufgehoben, damit die unter 25jährigen ihre Testosterone ausfahren können. Jedenfalls wurde uns schon in den 1990ern dringend dazu geraten, freitags ab 16 Uhr die Kinder von der Straße zu verbannen.

Aufbau und Soundcheck laufen rund und munter. Kleine Ausnahme: Halgodt-Hausmeister Gert muss im Baumarkt noch einige Mehrfachstecker organisieren, da die deutschen Schuko-Stecker keinen Bock darauf hatten, sich mit den dänischen Dosen zu paaren. Ansonsten keine weiteren Showstopper. Die Bühne ist für PHIL-Verhältnisse recht klein. Abgrenzungen oder eine nennenswerte Erhöhung gegenüber dem offenen Bereich gibt es nicht. Das wird ohne Zweifel ein intimes Clubkonzert. Bemerkenswert ist auch der Backstage-Bereich. Er ist zugleich das Büro des Halgodt und baulich einer Kapitänskajüte nachempfunden, inklusive Fenster in Form eines Bullauges. Wir haben noch Zeit bis zum geplanten Start um 20 Uhr. Diese vertreiben wir unter anderem mit dem Unterschreiben eines gerahmten Bandfotos, das fortan das Halgodt-Büro zieren wird. Vor allem aber genießen wir die Abendsonne und die Stimmung im Außenbereich, wo sich die ‚Spielerfrauen‘ einen Aperitif gönnen.

Für mich wird das heute aus einem weiteren Grund ein sehr besonderer Abend. Meine Familie und einige Freunde aus Baden und Danmark sind heute zu Besuch. Mit einer Ausnahme hören und sehen mich heute alle zum ersten Mal mit PHIL.

19:50 Uhr. Wir versammeln uns vor dem Bullauge im Hafen.  Frank, der ‚Boss‘ des Halgodt legt des Konzertstart spontan auf 20.15 Uhr, weil nach wie vor Leute ins Halgodt strömen. Ich unterhalte mich mit Lasse, der uns heute seitens der dänischen Booking-Agentur betreut. Die Chemie stimmt schon deshalb, weil er aus der Region ‚Midtjylland‘ kommt, in der auch ich mich zuhause fühle und wo ich die Sprache erlernt habe. Hinzu kommt, dass Lasse selbst Musiker ist und mit ‚Carpark North‘ bereits eine meiner dänischen Lieblingsbands auf ihren Tourneen begleitet hatte.

Time to go. Wir klatschen ab, Jürgen gibt uns sein verbales Motivationspaket mit auf den Weg und los gehts – hinein in die gute Stube, wo der Phil-Einspieler startet, eine Collage u.a. aus dem Genesis-Song ‚Down And Out‘. Ich betrete die Bühne zusammen mit Frank und Bernd und stöpsle mir meine InEar-Hörer ins Ohrwerk.

Fläschbägg 1990 💭
Am 14. und 15. Juli 1990 spielt Phil Collins zwei legendäre Konzerte auf der Berliner Waldbühne. Wir sehen uns die erste Show an, leider nicht live aber immerhin als Liveübertragung im dritten Programm. Ab diesem Tag zähle ich mich nicht mehr zu den beleidigten Alt-Genesis-Fans. Ich bin hin und weg von den Songs, der Spielfreude und nicht zuletzt vom singenden Drummer meiner Lieblingsband Genesis. Es geht keine 48 Stunden bis ich mir bei meinem besten Freund die ‚Face Value‘ und ‚Hello I must be going‘ ausleihe und auf Musikcassette kopiere. Die beiden Alben werden zum Soundtrack unseres ersten Dänemark-Urlaubs im August 1990. Insbesondere I don’t care anymore löst bei mir einen Blumenstrauß an Erinnerungen aus, die mich innerhalb von Millisekunden an die dänische Westküste beamen.

Bernd startet das Drum-Intro zu „I don’t care anymore“, Frank setzt mit den Percussions ein, Jürgen kommt hinzu und vervollständigt den Drum-Riff mit seinen Hängetoms. Ich setze die ersten Akkorde und pendle gedanklich zwischen Harboøre 1990 und dem hier und jetzt, während meine Innereien eine Badewanne voll Adrenalin produzieren. Und ja: Die Bude ist gerammelt voll. Direkt vor der Bühne aber auch sehr direkt hinter mir stehen Menschen. Ohne Pause gehen wir über in die Bläsernummer ‚Something happened on the way to heaven‘. Der Song geht ab wie die Post und unser erstes dänisches Publikum geht mit. Danach die erste Ansage von Jürgen: „This is my dänsk …“, die das Eis endgültig bricht und die endet mit „ … vores Denmark Lover – like all of us – Andreas Vollherbst“. ‚

Against all odds‚ ist ein absolute Pflichtnummer für jede Collins-Coverband und sie wird gefeiert wie jeder weitere Song des Abends. Die Leute sind kollektiv so dermaßen textsicher, dass Jürgen das Mikro zweitweise wegstecken kann. Überhaupt hat der komplette Abend eine sehr familiäre Atmosphäre, wodurch auch auf der Bühne eine unheimliche Spielfreude dominiert. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass wir hier schon zum 10ten Mal auftreten und den eigenen Fanclub mitgebracht haben.

Ich quäle meine Leser jetzt nicht mit jedem einzelnen Song, aber meinen persönlichen Favoriten gebe ich auf jeden Fall die Ehre . So viel Zeit muss sein 😉 Meine Lieblingssongs tummeln sich im zweiten Teil des Sets.

Nummer 2.2 ist ,Mama‚ – nicht nur aus meiner Sicht einer der besten Genesis-Songs der Collins-Ära. Ich spiele die Nummer unheimlich gerne. Nicht nur, weil sie in vieler Hinsicht völlig unkonventionell ist, sondern weil Genesis-Keyboarder Tony Banks darin eine für ihn typische und einmalige Akkordfolge an folgender Stelle geschaffen hat:

… can’t you seeeeee meeeeee here, oh Mama, Mama, Mama …‘

‚Mama‘ erfordert jedoch auch ein Höchstmaß an Konzentration, weshalb ich danach immer fix und fertig bin – aber glücklich 🙂

Nummer zwo punkt vier: ‚Land Of Confusion‘, bei dem ich Kurti’s ohnehin schon gestochen scharfen Bass ab der 2ten Strophe mit einem knackigen Synthiebass ergänze, der durch alle Körperteile wummert. Der Song ist nicht nur zeitlos gut, sondern inhaltlich brandaktuell. Mit besten Grüßen an die United States of Chaos, kurz USC.

An achter Stelle ein weiterer Leckerbissen: ‚In The Air Tonight‘. Angelehnt an die Live-Versionen von Phil Collins spielt auch der PHIL-Keyboarder ein leicht ‚sphärisches‘ Sythie-Intro bei gedämpftem blauen Licht und zu Nebel aus der Maschine, falls vorhanden. Für die Shows in Danmark habe ich das Intro komplett umgebaut, sodass es zu einem Großteil aus dem Anfang der dänischen Nationalhymne besteht: ‚Der er et yndigt land‘. Im Halgodt – aber auch bei den folgenden Konzerten – dauerte es immer ein paar Takte, bis das dänische Publikum die Melodie erkennt und entsprechend reagiert.

Der Abschluss des regulären Sets ist heute ‚Easy Lover‘. Bei der Nummer groovt bereits die Strophe, dass es eine Freude ist. Das gilt auch für den Vocal-Teil und spätestens jetzt dürfte allen Anwesenden klar sein, welcher Liga unsere Sängerinnen Lari und Vanessa angehören. Die beiden teilen sich die Vocals, die im Original von ‚Earth Wind & Fire‘ Sänger Phil Bailey gesungen werden, jede auf ihre Art aber jeweils mit ordentlich Druck und Blues auf der Stimme und nicht zuletzt mit einer absolut professionellen Bühnenpräsenz. 

Sollte irgendeine Band auf die Idee kommen, einen Weltrekord im Dauerspielen von ,Easy Lover‘ aufzustellen, würde ich mich als Keyboarder bewerben. Diese Ambitionen haben wir heute jedoch nicht und beenden ,Easy Lover‘ planmäßig nach 4 Minuten und 46 Sekunden.

Der Saal tobt und bekommt zum Dank die Musiker vorgestellt. Auch bei dieser Gelegenheit erhalte ich das Prädikat ‚The Denmark Lover‘. Dieser stellt anschließend den Sänger vor. Ich hole dabei leicht aus und bedanke mich in meinem sicherlich etwas akzentbehafteten dänisch im Namen der Band. Ich erwähne, dass dies heute unser erstes Konzert in Danmark ist und dass wir gespannt waren, wie es ankommen würde aber dass es verdammt gut lief. ‚Det er jo vores første koncert i Danmark og det var selvfølgelig meget spændende for os hvordan det fungerer. Men – hold kæft mand – det kører rigtig godt – og i var alle tiders. Tusind, tusind tak til alle jer.‘ Auch die Zugabe ‚Invisible Touch‘ wird nochmals frenetisch gefeiert. Das abschließende ‚Carpet Crawler‘ scheinen aber die wenigsten Besucher zu kennen. Ganz offensichtlich war hier die Generation Collins im Saal. Wir werden mit einer Riesenportion ‚Brot des Künstlers‘ von der Bühne verabschiedet. Das war eindeutig wieder ‚Another Day in Paradise‘.

Die anschließenden Gespräche im Publikum gestalten sich etwas schwierig, weil sich den Konzerten im Halgodt traditionell eine Disco-Nacht anschließt. Tolle Song werden gespielt, z.B. ‚Don’t Stop ‚Til You Get Enough‘ von Michael Jackson – aber in einer unheimlichen Lautstärke. Ich verziehe mich mit Freunden aus dem dänischen Odense und mit meinem Junior in ein etwas ruhigeres Eckchen und gönne ich mir mein erstes Bier seit dem Neujahrstag. Ein frisch gezapftes Tuborg Klassik 😋! Nein, diese Seite enthält keine Produktplatzierung.

Ein Teil der Band und des Anhangs nimmt die Tanzfläche in Beschlag und hat offensichtlich unheimlichen Spaß dabei. Die folgenschwerste Entdeckung des Abends ist der Song ‚Hot!‘ des dänischen Rapper-Duo’s ‚Nik & Jay‘. Die anwesenden Dänen tanzen dazu eine sehr originelle Choreografie, die sich unmittelbar und viral in das Gedächtnis der jüngeren PHIL-Musiker einpflanzt. Dazu mehr in wenigen Tagen in der Episode 3.

Punkt 23.59 Uhr ist die Party aus und alle PHILis müssen raus. Kristaps verfrachtet uns zuverlässig ins Hotel, wo uns die Bettfedern bereits freudig erwarten.