🇩🇰 · 1. Mai 2025 · 🇩🇰
« Denmark Lover »

Um 2:45 Uhr klingelt der Wecker, der uns aus den südbadischen Federn aufscheucht. Wir müssen um 5 Uhr in Sulzfeld bei Mayers sein, wo unser Reisebus auf uns wartet. Die ursprüngliche Option, in privaten PKWs mehr oder weniger im Konvoi nach Danmark zu fahren, wurde glücklicherweise im Laufe der Planungen verworfen. Eine der besten Entscheidungen der Menschheitsgeschichte, wie sich im Verlauf der Tour herausstellen sollte. Wir erreichen unser erstes Etappenziel nahezu pünktlich. Ein Großteil der Gesellschaft ist bereits eingecheckt – will heißen: Instrumente, Equipment und Gepäck verstaut und einen Platz im Bus eingenommen. Neben den 11 Musikern besteht die Gruppe aus Markus, dem unermüdlichen Mann für alles – von den Live-Video- und Lichtprojektionen und Rollups über Foto- und Videoaufnahmen bis hin zur 360°-Backstage-Bemutterung der Band. Mit dabei ist auch Toningenieur Hubert, sowie die Ehefrauen einiger Musiker. Insgesamt 20 Personen plus Busfahrer.

Ich habe ja bereits 6 Konzert mit PHIL gespielt, daher sind mir zumindest zwei Rituale bekannt, die heute kurz vor der Abfahrt zelebriert werden. Erstens: Es gibt einen Whiskey aus Jürgen’s reichhaltiger Sammlung. Heute wird ein ‚Kilchoman‘ gereicht, ein milder aber recht torfiger Tropfen. Ich hege die Vermutung, dass es sich dabei um Jürgens Hommage an berühmte dänische Moorleichen handelt, wie z.B. dem Tollund-Mann. Danach wird abgeklatscht und um 6 Uhr rollt der Bus im Scheinwerferlicht eines wunderschönen Sonnenaufgangs ab Richtung Norden.

Unsere heutiges Reiseziel ist Kopenhagen, wir haben daher knappe 1000 km vor uns. Für 16.45 Uhr ist die Fehmarn-Fähre gebucht. Glücklicherweise sind unsere Mitfahrenden alles andere als langweilig. Am ein oder anderen Eck des Busses geht es zeitweise recht fröhlich zu. Ansonsten verbringt man und Frau die Zeit mit Lesen, Handydaddeln, Schnarchen oder Gesichtsmasken auflegen.

Pause mit Grause: Die deutsche Autobahnraststätte
Bei Kassel vollziehen einige Mitreisende eine Zeremonie, die in wenigen Jahrhunderten mit Sicherheit Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sein wird: Pinkelpause in einer deutschen Autobahnraststätte. In Steno: [1] Mann-Frau-Schild suchen [2] Einen Euro einwerfen [3] Am Drehkreuz steckenbleiben [4] Die nette Dame rufen, die das Drehkreuz zum Drehen bringt [5] Pinkeln oder eine gleichwertige Handlung vornehmen [6] Bei einem hochmotivierten 🥱 und bestens gelaunten 🧨 Zeitgenossen einen Kaffee zu Preisen einer galoppierenden Inflation kaufen [7] Rausgehen.

Die Pause hat jedoch einen sehr positiven Aspekt: Hier steigt der Busfahrer zu, der uns auf der Tour durchgängig befördern wird. Ich erfahre von ihm, dass er Kristaps heißt und aus Lettland kommt. Der junge Mann ist mir auf jeden Fall auf Anhieb sympathisch.

This is my dänsk

Nach mehreren Staus erreichen wir Schleswig-Holstein und nähern uns Fehmarn. Ich setze mich nach vorne zu Jürgen und Frank, die es sich auf den Panoramaplätzen an der Frontscheibe gemütlich gemacht haben. Phil Collins hatte auf seinen Konzerten außerhalb des englischsprachigen Raums stets Ansagen auf Landessprache in petto, die er zuvor auf einen Papierzettel gekritzelt hat. Wir nutzen die Zeit und bereiten einige dänische Sätze für Jürgen vor, die ich ihm anschließend in „Lautsprache“ notiere: „ … this is my dänsk. Haj älle sammen i denne smukke länd og i denne fantästisk stell …”. Bei der Gelegenheit wird mir der Titel „Denmark Lover“ verliehen, der mich fortan während der Tour begleiten wird 🇩🇰❤️. Zudem werde ich die Ehre haben, Jürgen Phil Mayer den Konzert-Besuchern am Ende der Shows vorzustellen.

An der Fehmarnsund-Brücke werden kollektiv die Handykameras angeworfen, obwohl die Insel für PHIL kein Neuland ist. Es gab vor Jahren bereits Gastspiele auf Fehmarn und im kommenden Sommer wird es ein Konzert im nahen Neustadt in Holstein geben. Pünktlich um 16.15 Uhr erreichen wir die Fähre in Puttgarden. Das Wetter ist optimal. Die Luft ist furztrocken und unser Schiff gleitet über aalglattes Wasser, auf dem ein leichter Hauch von glitzerndem Verdunstungsnebel liegt. Die komplette PHIL-Familie stürmt das Sonnendeck, um die Seeluft und die ersten Ausblicke auf die Ostsee und das näherkommende Dänemark zu genießen. Als Trophäen dieses wichtigen Etappenziels werden Gruppenfotos in den unterschiedlichsten Konstellationen geschossen und in die digitale Welt verbreitet. Und ich? Ich fühle mich sauwohl dabei.

Die Fahrt nach Kopenhagen ist recht unspektakulär. Zunächst queren wir einen Teil der Insel Lolland, die laut Darstellung eines Eingeborenen so flach ist, dass man am Montag schon sehen könnte, wer am Wochenende zu Besuch kommt.

Unser Low-Budget-Appartementhotel liegt etwas südlich der Hauptstadt im Stadtteil Ørestad, der durch moderne Büro-, Hotel- und Wohngebäude und vor allem durch den nahen Flughafen Kastrup und der Royal Arena geprägt ist. Wir beziehen unsere Zimmer, die zwar fein aber auch klein sind. Der Schnitt und die Größe des Badezimmers ist offenbar dem eines kleineren Wohnwagens entliehen, weshalb unser Domizil für die kommenden 7 Nächte von Jürgen den Titel „Campinghotel“ verliehen bekommt.

Der Burger-Fanclub vor der Burger-Show

Der Hunger treibt uns in die nebenan liegende Shoppingmall „Fields“ – eine moderne Form der dänischen Fußgängerzone. Es ist bereits kurz vor 21 Uhr und der Großteil der Shops hat bereits geschlossen. Wir befürchten für die Restaurants dasselbe, haben jedoch Glück und finden im zweiten Obergeschoss ein Burger- und Steak-House, „The American“, wo wir von einer jungen dänischen Bedienung auf Anhieb so herzlich in Empfang genommen werden, als wären wir seit Jahren Stammgäste. Unsere etwa 20 Frau (m/w/d) starke Gruppe wird auch für den Rest des Abends mit derselben Fröhlichkeit und Lockerheit bedient, was auch meine Mitreisenden unverkennbar beeindruckt. Nu er jeg endelig hjemme igen. Diese offene und unaufgesetzte Hygge-Mentalität der Dänen ist einer der Gründe dafür, warum ich seit Jahren Hals über Kopf in Danmark verliebt bin.

Frisch gefüttert und zufrieden tummeln wir uns zurück ins Hotel, wo ich mich mit meiner Begleitung in die Koje begebe. Der kommende Tag wird spannend, denn um 11.30 Uhr startet der Bus Richtung „Halgodt“, wo wir unsere erste Show abliefern werden. God nat.